Über 400 Jahre Wassermann´s - ein denkwürdiges Jubiläum:
Vermutlich älteste Eisenhandlung in Deutschland -
Seit acht Generationen in Familienbesitz.
In Deutschland ist es wohl einmalig, daß eine Eisenwarenhandlung 400 Jahre Bestand hat und die Geschäfte immer noch im gleichen Gebäude abwickelt. Dazu kommt noch, daß es seit fast 200 Jahren über sieben Generationen dieselbe Familie ist, die sie führt. Nach den wirtschaftlichen Statistiken kann man in Deutschland die Betriebe, die so lange in einer Hand sind, fast an den Fingern abzählen.
Keineswegs selbstverständlich ist auch das Überdauern der Urkunde aus dem Jahr 1597. Ursache war ein Streit zwischen den drei Kramern bzw. Fragnern der Stadt Reichenhall, die das "hochlöblich Polizey-Collegio", die Verwaltungsbehörde der Stadt, veranlaßte, am 28. Juni 1777 die Kontrahenden vorzuladen, die Kaufbriefe für die Geschäfte vorzulegen, nachdrücklich auf die Einhaltung der jeweiligen "Handelsgerechtigkeit" hinzuweisen und darüber ein Protokoll zu verfassen. Bei dieser Gelegenheit wird der Kaufbrief des Andree Kaltner vom 2. März 1734 mit Bezug auf einen noch älteren Kaufbrief von 1597 geprüft und festgestellt, daß der Kaufmann unerlaubterweise "Hanfkörner und gemeine Seifen" verkauft habe, was ihm als "Kramer" nicht erlaubt sei, sondern nur dem Fragner zustünde. Der Sünder gelobt Abhilfe und pocht nun seinerseits auf sein Recht, "Leinöl, Kiene und Annis, Koriander, Klee und Rübsamen, benebst allen übrigen Samen, Stärk, weiße und gelbe Kreiten (=Malerfarben), gewasserten Stockfisch, grobe rupferne Leinwand usw." im Alleinvertrieb zu führen. An die tausend Taler, klagt er, hätte ihn seine "Handelsgerechtigkeit" gekostet.
Außer den genannten Dokumenten haben auch ein Bündel weiterer Urkunden und eine große Kiste mit genau geführten Geschäftsbüchern und Hunderten von Briefen die Zeiten überdauert: eine wahre Fundgrube für einen Wirtschafts-wissenschaftler. Einige Geschäftsbücher reichen bis in die napoleonische Zeit zurück. Es scheint, daß die meterdicken Mauern all die Urkunden, die über die Jahrhunderte traditionsgemäß immer im Haus verblieben, auch vor der Feuersbrunst in Reichenhall im Jahre 1834, die auch dieses Anwesen erfaßt, beschützten. Hier war der Marktplatz, und gegenüber liegt die älteste Kirche von Reichenhall, erbaut 1159, und nach der Sonntagsmesse ging man einkaufen. Dann wurden der Laden und das Kontor unter den mittelalterlichen Gewölben wieder mit starken Eisentüren verrammelt.
Es zeigt sich, daß der neidvolle Blick auf Besitz und Wohlleben des Kaufmanns wenig berechtigt ist. Als Andree Kaltner nach einem knappen halben Jahrhundert angestrengter Tätigkeit sein Geschäft 1783 an Franz Xaver Springruber verkauft hatte, ging dieser angeblich aus Warenmangel des Eisenhandels verlustig, schon nach zwei Jahren veräußerte er Haus und Laden an Franz Hornpacher, der das Recht auf Eisenhandel zurückkaufte.
Hornbachers Witwe war in den Wirren um das Jahr 1804 wahrscheinlich froh, daß sie bald in Franz Wallner aus Staufeneck einen Käufer fand. Der neue Kaufmann im Birnböck´schen Eckhaus hatte zusätzlich zur Handelsgerechtsame für Glaswaren im Jahre 1798 auch die Konzession der kurpfälzisch-bayerischen Regierung für den Silberwarenhandel auf bayerischen Märkten erworben. Mit ihm beginnt eine neue Ära im Handelshaus, weil er ein Familienunternehmen begründete, das bis heute Bestand hat. Dieser rührige Mann knüpfte ein großes Netz von Handelsbeziehungen mit einer staunenswerten Fülle verschiedenster Warenarten. Tatkräftig unterstützt wurde er von seinem Sohn Leopold Wallner, der 1824 bis 1849 die Geschäfte weiterführte.
Die Geschäftsbücher belegen das weitgespannte Netz der Orte, aus denen Waren bezogen wurden: Berlin, Leipzig, Magdeburg und Iserlohn, südlich der Alpen Triest und Venedig, östlich von Linz die Stadt Wien etwas außerhalb des Netzes, jedoch zwischen Lindau und Steyr, Innsbruck und Bamberg fehlen als Bezugsorte kaum eine größere und kleinere Stadt, kaum ein Markt von Bedeutung. Auch aus Dörfern, von denen man es kaum vermuten würde, kamen Waren, so z.B. Sprengpulver von Sachrang, Bleche aus Wagrain, Sensen aus St. Johann, Kuhglocken aus Fulpmes und Schlösser aus Cronenberg. Bei den Beförderungsmöglichkeiten jener Zeit bereiteten viele Lieferungen große Sorgen, wovon noch Abschriften der hinausgehenden Geschäftsbriefe künden.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts erweiterte sich das Warenangebot dann ständig. Dies hatte seine Ursache unter anderem in der rasanten Entwicklung der stahlverarbeitenden Industrie. Um die Jahrhundertmitte trat ein personeller Wechsel ein. Nach dem Tode Leopold Wallners 1849 führte seine Tochter Anna das Geschäft weiter. Ihr aus dem tirolerischen Pitztal stammender Ehemann, der Bauernsohn Franz Anton Wassermann, war zwar gelernter Eisenhändler, bekam aber erst nach der Vorlage des sogenannten "Reifezeugnisses" 1851 die Genehmigung des Stadtmagistrats zur Eheschließung und Geschäftsübernahme. Er blieb bis heute für das Geschäft namensgebend.
Mit dem Wachsen und Aufblühen des Kurortes wuchsen auch
die Wünsche und Ansprüche der Reichenhaller Hoteliers, Kurgäste
und Bürger. Beim Kramer F.A.Wassermann konnte man feine
englische Manchesterwolle, Samtbänder und Seidentüchlein finden,
aber auch feinstes Olivenöl, das über Venedig aus Brindisi kam.
Für den verwöhnten Gaumen waren Feigen aus Smyrna da, die
per Schiff über Triest kamen. Tabak wurde in Rollen angeboten,
für Herrschaften duftende Zigarren aus Übersee, woher auch der
Kaffee, in Ballen verpackt, eingeführt wurde und mal über Salzburg,
mal über Frankfurt lief. Daneben verkaufte man so seltsame Dinge
wie Süßholzsaft oder Enzianwurzeln. Wassermann bewies hier
Unternehmungsgeist und Einfallsreichtum, nicht weniger sein
Nachfolger.
Der aus Bogen bei Straubing stammende Eisenhändler Josef Weiß erwies sich im Geschäft so tüchtig, daß er bereits 1879 der ältesten Tochter Luise Wassermann die Hand zum Ehebund reichen durfte. Da nun aber der rüstige Inhaber die Zügel des Geschäftes noch fast bis zum Tode 1895 in der Hand hielt, konnte der Schwiegesohn es sich leisten, sich auch um die öffentlichen Angelegenheiten in Reichenhall nachhaltig zu kümmern. 1891 wurde er in den Bad Reichenhaller Magistrat gewählt, 1894 in das Bürgermeisteramt, das er als letzter ehrenamtlicher Bürgermeister bis 1899 erfolgreich ausfüllte.
Besonders trieb er den Ausbau der Versorgung mit Elektrizität und Gas weitschauend voran. Als Josef Weiß 1910 59jährig starb, arbeiteten im Geschäft seine beiden Söhne Josef und Albert Weiß, sowie zwei seiner Töchter mit. Bereits in dieser Zeit erfolgte die Spezialisierung des Sortiments auf die Gruppen Eisen- und Haushaltswaren sowie Porzellan.
Es gelang, die gewiß sehr schweren Zeiten des 1. Weltkrieges,
der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 und die Belastungen im
und nach dem 2. Weltkrieg zu meistern. Der Bombardierung
Reichenhalls 1945 entging das Haus nur knapp. Nach 1945 lag
ein Teil Bad Reichenhalls in Trümmern, und es fehlte an
grundlegendsten Dingen für den Wiederaufbau. Selbst die
Beschaffung von Nägeln und Schrauben war ein Problem.
In dieser schwierigen Zeit nach dem 2. Weltkrieg übernahm 1950 Rudolf Weiß, der Sohn von Albert Weiß, den Betrieb. Neue gesetzliche Rahmenbestimmungen für die Gewerbefreiheit
und der technische Fortschritt wirkten sich im Lauf der Jahre auf alle Bereiche aus. Verkaufsmethoden wie Selbstbedienung, ebenso die vielen neuen Warengruppen machten einen mehrmaligen Umbau und die wesentliche Erweiterung der Verkaufsflächen notwendig. Rudolf Weiß, der die Umstrukturierung des Geschäftes vorantrieb, war überdies auch mit Erfolg bemüht, das äußere Bild des alten Bürgerhauses in seiner architektonischen Schönheit zu erhalten.
Seit 1982 hat sich Martin Weiß nach einer umfassenden Ausbildung in die besondere Problematik dieses Handelszweiges eingearbeitet, die Modernisierung angeschoben und neue Akzente gesetzt. 1990 wurde hier, mitten in der Stadt, ein dreistöckiger Heimwerkermarkt errichtet, der die altbekannte Eisenwarenhandlung in zeitgemäßer Form fortsetzt. Gleichzeitig konnte unter Hinzunahme des Nebenhauses, Poststraße 15, die Präsentation der Porzellan- und Haushaltwaren großzügig erweitert und auf modernsten Stand gebracht werden.
Ein neues Warenwirtschaftssystem und moderne Computertechnik garantieren nicht nur zukunftsweisende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sondern auch die Erhaltung von 30 Arbeitsplätzen, die dieses Unternehmen geschaffen hat.
Mit Anton Weiß ging 2009 die 8. Generation der Familie an den Start. Nach dem Studium und diversen Praktika steht für ihn fest: "Nur die konsequent kundenorientierte Ausrichtung ist seit Jahrhunderten Grundlage des Erfolgs. Daran wird sich bei allen medialen Umbrüchen auch nichts ändern."
Die lebendige Verbindung von Tradition und Fortschritt, über 400 Jahre seriösen Handels und aktueller Vertriebs- und Dienstleistungsformen versprechen auch im 3. Jahrtausend den Bestand dieses alten Handelshauses im Herzen Bad Reichenhalls.